






THE STONE
I am often referred to as a giant. Heavy, almost immovable and indestructible. Within me lies a power that is almost unimaginable. My surface may appear cold and rough, but inside me lies a history that reaches deeper than human memory. Those who are colour blind, who only want to think in black and white, do not recognise my colourful form. When I shift, the boundary shifts too. If I move a millimetre, a realm becomes larger or smaller. I am both a sign and a seal, a silent marker of territorial claims. This is where ours begins, and where it ends. The people who pass me by rarely pay any attention to me. As long as I am not an obstacle to them, I remain invisible, merely the backdrop to their everyday lives. But woe betide me if I stand in their way. Then I become a problem, a symbol, the focus of discourse and decisions. I am more than just a stone. I am nationality, identity, privilege, protection and exclusion all at once. Depending on the meaning assigned to me at any given moment, the norms that had to be fulfilled, I changed colours, took on different forms and transformed myself. I was a fortress and a foundation, an obstacle and a home. I was never just what you see.
DER STEIN
Ich werde oft als Riese betitelt. Schwer, beinahe unbeweglich und unzerstörbar. In mir ruht eine Macht, die nahezu unvorstellbar ist. Meine Oberfläche mag kalt und rau wirken, doch in meinem Inneren liegt eine Geschichte, die tiefer reicht als das Gedächtnis der Menschen. Die Farbenblinden, die nur in Schwarz und Weiß denken wollen, erkennen meine farbenfrohe Gestalt nicht. Wenn ich mich verschiebe, verschiebt sich auch die Grenze. Weiche ich um einen Millimeter, wird ein Reich größer oder kleiner. Ich bin Zeichen und Siegel zugleich, eine stumme Markierung des Anspruchs an Reviermarkierung. Hier beginnt das Unsere, dort hört es auf. Die Menschen, die an mir vorbeigehen, schenken mir selten Beachtung. Solange ich ihnen keine Hürde bin, bleibe ich unsichtbar, bloß Hintergrund ihres Alltags. Doch wehe, ich stehe im Weg. Dann werde ich zum Problem, zum Symbol, zum Brennpunkt von Diskursen und Entscheidungen. Ich bin mehr als bloß ein Stein. Ich bin Nationalität, Identität, Privileg, Schutz und Ausschluss gleichzeitig. Je nachdem, welche Bedeutung mir gerade zugetragen wurde, welche Normen zu erfüllen waren, habe ich Farben gewechselt, unterschiedliche Formen angenommen und mich verwandelt. Ich war Festung und Fundament, Hindernis und Heimat. Ich war nie nur das, was man sieht.
THE FRAGMENTS
I am the remnant of what was supposedly destroyed. When my mass breaks apart, when pressure and time turn me into splinters, then I am suddenly seen. Not in my entirety, but in my dispersion. Countless small stones emerge from what was once a mighty block. They lie scattered on the ground, get trodden on, get tangled in the grooves of shoe soles, roll down the slope, get knocked around, forgotten, confused. Each fragment carries the memory of the whole, yet each questions or even denies its origin. We are treated like strangers who are searching for their place for eternity, but cannot find it. Because there is no place for us in this time, or because it is always contested. And yet there remains a residual connection to the once great stone. It is difficult to describe in words. It is like an invisible bond. Fine as a silk thread, barely perceptible, but stronger than it seems. It is the memory, the unspoken knowledge: we were once united. And if this thread breaks? Then it has not disappeared, but simply become shorter. It pulls the fragments closer together or pushes them further apart. And now each of them must renegotiate whether it still belongs or has already fallen out. So I am both origin and doubt. My fragments reveal the fragility of every boundary and the painful question of who still belongs and who does not.
DIE FRAGMENTE
Ich bin das Überbleibsel des vermeintlich Zerstörten. Wenn meine Masse zerbricht, wenn Druck und Zeit mich in Splitter verwandeln, dann werde ich plötzlich gesehen. Nicht in meiner Ganzheit, sondern in meiner Zerstreuung. Aus einem einst gewaltigen Block entstehen unzählige kleine Steine. Sie liegen verstreut auf dem Boden, treten unter die Füße, verheddern sich in den Rillen der Schuhsohlen, rollen den Abhang hinunter, werden gestoßen, vergessen, verwechselt. Jedes Fragment trägt die Erinnerung an das Ganze in sich, doch jeder hinterfragt oder gar verneint seine Herkunft. Wir werden behandelt wie Fremde, die auf ewige Zeit ihren Platz suchen, aber ihn nicht finden. Weil es in dieser Zeit keinen Platz für uns gibt oder dieser stets umkämpft ist. Und dennoch besteht eine Restverbindung zum einst großen Stein. Sie lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Sie ist wie ein unsichtbares Band. Fein wie ein Seidenfaden, kaum wahrnehmbar, aber stärker, als es scheint. Es ist die Erinnerung, das unausgesprochene Wissen: Wir waren einst vereint. Und wenn dieser Faden reißt? Dann ist er nicht verschwunden, sondern einfach nur kürzer geworden. Er zieht die Fragmente enger zusammen oder stößt sie weiter fort. Und nun muss jedes von ihnen neu verhandeln, ob es noch dazugehört oder bereits hinausgefallen ist. So bin ich Ursprung und Zweifel zugleich. In meinen Bruchstücken zeigt sich die Zerbrechlichkeit jeder Grenze und die schmerzhafte Frage, wer noch dazugehört und wer nicht.
THE ROOT
And then there is me, the root. Long hidden beneath layers of stone, invisible like a secret. Only when the stone broke did the veil lift and I came to light. I am what remains when boundaries shift and forms disintegrate. My task is different: I connect. I hold fast, even when everything seems to be falling apart. I speak the language of the earth, not that of nations. I don't care what arbitrary lines have been drawn on any maps. For me, stone and fragments have emerged from the same origin, from the same depth. I know the power that still unites them, even if they have forgotten it. I am proof that separation is never absolute. For me, borders mean not only separation, but also closeness. The stone may have fallen, the fragments may lie scattered. But I run through them all, keeping them secretly connected. Without me, there would be no stability, no roots. Perhaps some people do not see me, perhaps they step over me. But I know: I am the silent bond that holds the stone, the fragment and the earth together. And so I will continue to grow, through the crack, into the open.
DIE WURZEL
Und dann bin da ich, die Wurzel. Lange verborgen unter den Schichten des Steins, unsichtbar wie ein Geheimnis. Erst als der Stein brach, wurde der Schleier gelüftet und ich kam zum Vorschein. Ich bin das, was bleibt, wenn Grenzen sich verschieben und Formen zerfallen. Meine Aufgabe ist eine andere: Ich verbinde. Ich halte fest, auch wenn alles auseinanderzubrechen scheint.Ich spreche die Sprache der Erde, nicht die der Nationen. Mich kümmert nicht, welche willkürlichen Linien auf irgendwelchen Karten gezogen wurden. Für mich sind Stein und Fragmente aus demselben Ursprung, aus derselben Tiefe hervorgegangen. Ich weiß um die Kraft, die sie noch immer eint, auch wenn sie es vergessen haben. Ich bin der Beweis, dass Trennung nie absolut ist. Grenze bedeutet für mich nicht nur Trennung, sondern auch Nähe. Der Stein mag gefallen sein, die Fragmente mögen verstreut liegen. Aber ich durchziehe sie alle, halte sie im Verborgenen verbunden. Ohne mich gäbe es keinen Halt, kein Verwurzeltsein. Vielleicht sehen mich manche Menschen nicht, vielleicht treten sie über mich hinweg. Doch ich weiß: Ich bin das stille Band, das Stein, Bruchstück und Erde zusammenhält. Und so werde ich weiterwachsen, durch den Riss hindurch, hinein in das Offene.

THE STONE
I am often referred to as a giant. Heavy, almost immovable and indestructible. Within me lies a power that is almost unimaginable. My surface may appear cold and rough, but inside me lies a history that reaches deeper than human memory. Those who are colour blind, who only want to think in black and white, do not recognise my colourful form. When I shift, the boundary shifts too. If I move a millimetre, a realm becomes larger or smaller. I am both a sign and a seal, a silent marker of territorial claims. This is where ours begins, and where it ends. The people who pass me by rarely pay any attention to me. As long as I am not an obstacle to them, I remain invisible, merely the backdrop to their everyday lives. But woe betide me if I stand in their way. Then I become a problem, a symbol, the focus of discourse and decisions. I am more than just a stone. I am nationality, identity, privilege, protection and exclusion all at once. Depending on the meaning assigned to me at any given moment, the norms that had to be fulfilled, I changed colours, took on different forms and transformed myself. I was a fortress and a foundation, an obstacle and a home. I was never just what you see.
DER STEIN
Ich werde oft als Riese betitelt. Schwer, beinahe unbeweglich und unzerstörbar. In mir ruht eine Macht, die nahezu unvorstellbar ist. Meine Oberfläche mag kalt und rau wirken, doch in meinem Inneren liegt eine Geschichte, die tiefer reicht als das Gedächtnis der Menschen. Die Farbenblinden, die nur in Schwarz und Weiß denken wollen, erkennen meine farbenfrohe Gestalt nicht. Wenn ich mich verschiebe, verschiebt sich auch die Grenze. Weiche ich um einen Millimeter, wird ein Reich größer oder kleiner. Ich bin Zeichen und Siegel zugleich, eine stumme Markierung des Anspruchs an Reviermarkierung. Hier beginnt das Unsere, dort hört es auf. Die Menschen, die an mir vorbeigehen, schenken mir selten Beachtung. Solange ich ihnen keine Hürde bin, bleibe ich unsichtbar, bloß Hintergrund ihres Alltags. Doch wehe, ich stehe im Weg. Dann werde ich zum Problem, zum Symbol, zum Brennpunkt von Diskursen und Entscheidungen. Ich bin mehr als bloß ein Stein. Ich bin Nationalität, Identität, Privileg, Schutz und Ausschluss gleichzeitig. Je nachdem, welche Bedeutung mir gerade zugetragen wurde, welche Normen zu erfüllen waren, habe ich Farben gewechselt, unterschiedliche Formen angenommen und mich verwandelt. Ich war Festung und Fundament, Hindernis und Heimat. Ich war nie nur das, was man sieht.


THE FRAGMENTS
I am the remnant of what was supposedly destroyed. When my mass breaks apart, when pressure and time turn me into splinters, then I am suddenly seen. Not in my entirety, but in my dispersion. Countless small stones emerge from what was once a mighty block. They lie scattered on the ground, get trodden on, get tangled in the grooves of shoe soles, roll down the slope, get knocked around, forgotten, confused. Each fragment carries the memory of the whole, yet each questions or even denies its origin. We are treated like strangers who are searching for their place for eternity, but cannot find it. Because there is no place for us in this time, or because it is always contested. And yet there remains a residual connection to the once great stone. It is difficult to describe in words. It is like an invisible bond. Fine as a silk thread, barely perceptible, but stronger than it seems. It is the memory, the unspoken knowledge: we were once united. And if this thread breaks? Then it has not disappeared, but simply become shorter. It pulls the fragments closer together or pushes them further apart. And now each of them must renegotiate whether it still belongs or has already fallen out. So I am both origin and doubt. My fragments reveal the fragility of every boundary and the painful question of who still belongs and who does not.
DIE FRAGMENTE
Ich bin das Überbleibsel des vermeintlich Zerstörten. Wenn meine Masse zerbricht, wenn Druck und Zeit mich in Splitter verwandeln, dann werde ich plötzlich gesehen. Nicht in meiner Ganzheit, sondern in meiner Zerstreuung. Aus einem einst gewaltigen Block entstehen unzählige kleine Steine. Sie liegen verstreut auf dem Boden, treten unter die Füße, verheddern sich in den Rillen der Schuhsohlen, rollen den Abhang hinunter, werden gestoßen, vergessen, verwechselt. Jedes Fragment trägt die Erinnerung an das Ganze in sich, doch jeder hinterfragt oder gar verneint seine Herkunft. Wir werden behandelt wie Fremde, die auf ewige Zeit ihren Platz suchen, aber ihn nicht finden. Weil es in dieser Zeit keinen Platz für uns gibt oder dieser stets umkämpft ist. Und dennoch besteht eine Restverbindung zum einst großen Stein. Sie lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Sie ist wie ein unsichtbares Band. Fein wie ein Seidenfaden, kaum wahrnehmbar, aber stärker, als es scheint. Es ist die Erinnerung, das unausgesprochene Wissen: Wir waren einst vereint. Und wenn dieser Faden reißt? Dann ist er nicht verschwunden, sondern einfach nur kürzer geworden. Er zieht die Fragmente enger zusammen oder stößt sie weiter fort. Und nun muss jedes von ihnen neu verhandeln, ob es noch dazugehört oder bereits hinausgefallen ist. So bin ich Ursprung und Zweifel zugleich. In meinen Bruchstücken zeigt sich die Zerbrechlichkeit jeder Grenze und die schmerzhafte Frage, wer noch dazugehört und wer nicht.


THE ROOT
And then there is me, the root. Long hidden beneath layers of stone, invisible like a secret. Only when the stone broke did the veil lift and I came to light. I am what remains when boundaries shift and forms disintegrate. My task is different: I connect. I hold fast, even when everything seems to be falling apart. I speak the language of the earth, not that of nations. I don't care what arbitrary lines have been drawn on any maps. For me, stone and fragments have emerged from the same origin, from the same depth. I know the power that still unites them, even if they have forgotten it. I am proof that separation is never absolute. For me, borders mean not only separation, but also closeness. The stone may have fallen, the fragments may lie scattered. But I run through them all, keeping them secretly connected. Without me, there would be no stability, no roots. Perhaps some people do not see me, perhaps they step over me. But I know: I am the silent bond that holds the stone, the fragment and the earth together. And so I will continue to grow, through the crack, into the open.
DIE WURZEL
Und dann bin da ich, die Wurzel. Lange verborgen unter den Schichten des Steins, unsichtbar wie ein Geheimnis. Erst als der Stein brach, wurde der Schleier gelüftet und ich kam zum Vorschein. Ich bin das, was bleibt, wenn Grenzen sich verschieben und Formen zerfallen. Meine Aufgabe ist eine andere: Ich verbinde. Ich halte fest, auch wenn alles auseinanderzubrechen scheint.Ich spreche die Sprache der Erde, nicht die der Nationen. Mich kümmert nicht, welche willkürlichen Linien auf irgendwelchen Karten gezogen wurden. Für mich sind Stein und Fragmente aus demselben Ursprung, aus derselben Tiefe hervorgegangen. Ich weiß um die Kraft, die sie noch immer eint, auch wenn sie es vergessen haben. Ich bin der Beweis, dass Trennung nie absolut ist. Grenze bedeutet für mich nicht nur Trennung, sondern auch Nähe. Der Stein mag gefallen sein, die Fragmente mögen verstreut liegen. Aber ich durchziehe sie alle, halte sie im Verborgenen verbunden. Ohne mich gäbe es keinen Halt, kein Verwurzeltsein. Vielleicht sehen mich manche Menschen nicht, vielleicht treten sie über mich hinweg. Doch ich weiß: Ich bin das stille Band, das Stein, Bruchstück und Erde zusammenhält. Und so werde ich weiterwachsen, durch den Riss hindurch, hinein in das Offene.
